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Jetzt sind die Bau- und Raumplaner gefragt, denn die Schweizer zieht es immer mehr in die Städte.

Die Schweiz verdichtet sich

Trends In der Schweiz ist ein Trend «zurück in die Stadt» auszumachen. Was die ungeliebte Zersiedlung des Landes eindämmt, bringt in den urbanen Zonen gleichzeitig bautechnische Platznöte mit sich. Das Zauberwort hierbei heisst «Verdichtung».

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Die Schweiz debattiert seit über 60 Jahren ihre Zersiedelung. Es gab Zeiten, in denen man den Eindruck gewinnen konnte, dass beinahe auf jeder Wiese des Landes irgendwo noch ein einzelnes Häuschen zu stehen kommt. Bau- und städteplanerisch gesehen war die Schweiz gleichzeitig überall und nirgendwo. Nun aber, nachdem die Marke von acht Millionen Einwohnern durchbrochen ist, ändert sich einiges. Der stetig wachsende Wohnraum-Bedarf bei immer beschränkterem Platzangebot zwingt zum Handeln. Das in diesem Zusammenhang sowie im Rahmen der Revision des Raumplanungsgesetzes immer wieder verwendete Zauberwort lautet «Verdichtung».

Zum urbanen Leben gehören kurze Wege, Lebendigkeit, Vielfalt sowie ein grosses Freizeitangebot.

«Der ohne Zweifel festzustellende Retour-Trend in die Stadt besteht meines Erachtens nicht bloss weil die Leute verdichten wollen», gibt Thomas Müller vom Schweizerischen Ingenieur- und Architektenverein (SIA) zu bedenken. Er glaube vielmehr, dass schlicht immer mehr Menschen beginnen würden, die Vorteile und Qualitäten des urbanen Lebens zu entdecken. «Dazu gehören kurze Wege, Lebendigkeit, Vielfalt sowie ein grosses Freizeitangebot. Sprich eine gute Infrastruktur zu haben, jederzeit Freunde treffen zu können, auf dem Spielplatz, im Café oder auch mal abends spontan ins Kino oder noch schnell ins Fitnesscenter zu gehen.»

Dichter Bauen bedeutet im Grundsatz, auf derselben Bodenfläche mehr Wohn- oder Arbeitsraum erstellen.

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Enger, höher, intelligenter

Mögen die Gründe für die Rückbewegung in die Stadt auch vielfältig sein – die Fragen danach, wie man das Bevölkerungswachstum baulich auffangen möchte und wie gleichzeitig der Landverschleiss eingedämmt werden soll, bleiben die gleichen. Fragen, bei denen eben doch wieder das verdichtete Bauen in den Mittelpunkt rückt. Denn wenn, wie in der Revision des Raumplanungsgesetzes vorgesehen, die Bauzonen beschränkt werden sollen, um der Zersiedlung entgegen zu wirken, bleibt schlicht nicht mehr viel anderes übrig als Verdichtung. Ist Bauland knapper, muss nun mal enger, höher und vor allem intelligenter gebaut werden. «Dichter Bauen bedeutet im Grundsatz, auf derselben Bodenfläche mehr Wohn- oder Arbeitsraum erstellen. Sprich, höher und auch näher zusammen bauen», sagt Thomas Müller.

Je mehr Optionen man den Leuten gastronomisch, mit Einkaufs- oder anderen Versorgungsmöglichkeiten bietet, umso intensiver wird der Raum auch genutzt und umso lebendiger wird er.

Doch genau das löse bei sehr vielen Leuten falsche und häufig negative Assoziationen und Gefühle aus. Daran müsse man arbeiten. «Dichte, oder nennen wir es doch einmal Nähe, kann nämlich auch, wie bereits erwähnt, sehr viel Qualität bedeuten.» Entscheidend sei, dass eine grosse Nutzungsdurchmischung angestrebt und das Erdgeschoss konsequent öffentlich gehalten werde. Das heisst, im Erdgeschoss sollten sich zum Beispiel Restaurants, Bars, Nahrungsmittel- oder Kleidergeschäfte befinden. «Je mehr Optionen man den Leuten gastronomisch, mit Einkaufs- oder anderen Versorgungsmöglichkeiten bietet, umso intensiver wird der Raum auch genutzt und umso lebendiger wird er», ist sich Müller sicher.

Einen weiteren Vorteil im verdichteten Bauen sieht Müller auch was das Sicherheitsgefühl der Menschen anbelangt. «Nichts vermittelt einem mehr Sicherheit, als wenn die Strassen immer mit anderen Menschen belebt sind.» Ein weiterer positiver Aspekt sei der, dass, je näher man beim Wohnen und Arbeiten zusammenrücke, mehr intakte, natürliche Landschaften erhalten bleiben.

Es muss gelingen, dass sich die Menschen auch nach einer Verdichtung in ihrer Gemeinde, ihrem Quartier oder ihrem Haus noch zuhause und wohl fühlen.

Natürlich könne die Verdichtung auch Nachteile mit sich ziehen. «Wo mehr Menschen sind, kann es auch sein, dass man sich öfter aneinander reibt oder dass es lauter ist.» Trotzdem würden aus seiner Sicht die Vorteile des urbanen Lebens eindeutig überwiegen. Zentral sei allerdings, dass der Respekt gegenüber den Bedürfnissen und den Werten der Bewohner an vorderster Stelle stehe. «Es muss gelingen, dass sich die Menschen auch nach einer Verdichtung in ihrer Gemeinde, ihrem Quartier oder ihrem Haus noch zuhause und wohl fühlen.» Hier sei grosses Fingerspitzengefühl und Geduld gefragt.

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Funktionierende Beispiele sind vorhanden

Beispiele, die aufzeigen, dass verdichtetes Bauen und somit verdichtetes Leben funktionieren kann, gibt es laut Müller genug. «Im Kleinen denke ich da zum Beispiel an die Genossenschaftssiedlung Giesserei in Winterthur», sagt der Experte. Sie trage vorbildlich zur Entwicklung eines ehemaligen Industrieareals bei. Die zahlreichen öffentlichen Nutzungen, die Mischung von Wohnungen für alte und junge Menschen sowie die räumliche Nachbarschaft zum Eulachpark würden Quartiersqualität schaffen. «Im Grösseren gefällt mir die Entwicklung in Zürich West», fährt Müller fort. Noch vor 20 Jahren hätte man sich am Abend kaum in dieses Quartier verirrt und heute sei es tagsüber und während der Nacht ein pulsierender und weit über die Grenzen Zürichs hinaus geschätzter Ort.

Die Lebensform der Zukunft wird die Stadt oder zumindest eine urbane Form sein.

Dementsprechend sieht Müller in der Verdichtung auch die Zukunft. «Die Lebensform der Zukunft wird die Stadt oder zumindest eine urbane Form sein», ist er überzeugt. Alles andere werde auf die Dauer zu teuer und volkswirtschaftlich betrachtet kaum mehr erschwinglich. «Der Unterhalt unserer Infrastruktur kostet schon heute jedes Jahr 3,5 Milliarden Franken», sagt Müller. Zusammen mit den Investitionen in den nötigen Ausbau derselben von 4,5 Milliarden Franken, mache das bereits jetzt eine horrende, jedes Jahr anfallende Belastung von acht Milliarden Franken. Da liege schlicht nicht mehr viel Wachstum drin.