Baldwin

Eine Branche erschafft sich neu

Design

Building Information Modelling (BIM) verändert das Bauwesen nachhaltig. Darin sind sich Fachleute einig. Doch welche konkreten Auswirkungen dieser Prozess haben wird und wie sich die Schweiz im digitalen Wandel behaupten kann, wirft bei vielen noch Fragen auf. Wir sprachen deshalb mit BIM-Experte Mark Baldwin über Chancen und Herausforderungen des digitalen Bauens – und welche mentale Hürden die Branche überwinden muss.

Matthias Mehl

Mark Baldwin, Sie sind im Vorstand des Schweizer Chapters von building-SMART und befassen sich als Leiter des BIM-Managements der Mensch und Maschine Schweiz AG mit Fragen rund um Building Information Modelling. Ganz einfach gefragt: Was ist BIM für Sie?

BIM ist im Kontext der gesamten Digitalisierung zu betrachten, die derzeit alle Bereiche der Wirtschaft sowie des privaten und öffentlichen Lebens erfasst. Einfach gesagt ist BIM die Digitalisierung der Baubranche.

Wie weit ist die Schweiz in Sachen Digitalisierung?

Man ist sich hierzulande durchaus bewusst, wie wichtig das Thema ist. Im April 2016 hat der Bundesrat seine «Digitale Strategie» verabschiedet. Diese betrifft die Digitalisierung der gesamten Wirtschaft und geht nicht spezifisch auf die Baubranche ein. Nichtsdestotrotz ist die Strategie relevant für die Bauindustrie und hat direkte Auswirkung auf ihre Tätigkeit. Kurz gesagt besteht das Ziel der Strategie darin, der Schweiz einen Spitzenplatz in der digitalen Welt zu sichern. BIM wiederum spielt eine zentrale Rolle, um die Schweizer Baubranche auf eine höhere Ebene zu bringen.

Doch ist die Schweizer Baubranche dafür auch bereit?

Es gibt eine digitale Scorecard, welche die Schweiz in verschiedenen Aspekten der Digitalisierung bewertet. Im Bereich der «Digitalen Basisinfrastruktur» zum Beispiel sind wir sehr stark und erzielen einen Score von 93 Prozent. Die Bereiche «ICT-Wirtschaft» sowie «Internationale Wettbewerbsfähigkeit» werden ebenfalls sehr gut bewertet. In diesem Index wird zwar die Baubranche nicht spezifisch analysiert, aber anhand der Bewertung der «Industrie 4.0» – mit einem Score von gerade einmal 29 Prozent – wird offensichtlich, dass noch viel Verbesserungspotenzial besteht.

In den letzten 18 Monaten hat man sich in Sachen BIM stark entwickelt. Es wird nun viel mehr unternommen – und nicht nur geredet.

Und wie weit ist die Schweiz im Vergleich zu anderen Ländern?

In meiner Laufbahn bot sich mir immer wieder die Gelegenheit, die Entwicklung von BIM im Ausland zu beobachten – in Europa, aber auch im Nahen Osten, Asien und Australien. In den meisten dieser Länder ist die BIM-Methodik stark etabliert. Und ich muss zugeben: Die Schweiz hat sich relativ spät mit dem Thema auseinandergesetzt.

Also befinden wir uns bereits im Hintertreffen?

Wir müssen aufholen, aber sicherlich befindet sich die Schweiz auf einem guten Weg. In den letzten 18 Monaten hat man sich in Sachen BIM stark entwickelt. Es wird nun viel mehr unternommen – und nicht nur geredet.

Gibt es Unterschiede, wie BIM in den verschiedenen Ländern umgesetzt wird?

Die gibt es und sie lassen sich auf die jeweiligen kulturellen Besonderheiten zurückführen. Im angelsächsischen Raum beispielsweise ist Innovation viel mehr durch Pragmatismus getrieben. Man sieht Verbesserungspotenzial und versucht, dieses zu erschliessen. Im deutschsprachigen Raum hingegen, und vor allem in der Schweiz, werden die Auswirkungen länger durchgedacht und durchgespielt. Das bedeutet einerseits, dass Veränderungen eine gewisse Zeit länger benötigen; anderseits wird so eine impulsive oder einseitige Entwicklung vermieden. In der Schweiz beobachten wir, dass die Bauwirtschaft diesen Schritt geschlossen macht. Einige Unternehmen sind zwar etwas weiter als andere, aber man schaut aufeinander. Das sind gute Voraussetzungen für einen gesunden Wandel innerhalb der Digitalisierung.

Wie kann die Schweiz sicherstellen, dass diese Entwicklung weiterhin gesund verläuft?

Ich sehe drei Kernaspekte, die für eine positive Entwicklung von BIM hierzulande notwendig sind. Erstens müssen alle Beteiligten versuchen, die Digitalisierung richtig zu begreifen und die Veränderung zu wollen! Es reicht nicht, wenn ein Geschäftsführer sagt: «BIM machen wir erst dann, wenn es von der Bauherrschaft verlangt wird.» Dann ist es schon zu spät! Solche Firmen werden bei der Umsetzung von BIM leiden. Schlicht und einfach. Jedes Unternehmen muss sich mit der Thematik auseinandersetzten, eigene Ziele definieren und in einer Roadmap konkrete Massnahmen für die Digitalisierung definieren.

Aber BIM betrifft nicht nur die junge Generation: Unsere heutigen Fachleute müssen ebenfalls weitergebildet werden.

Was ist der zweite Aspekt?

Wir müssen in der Schweiz die relevanten internationalen Standards übernehmen und gleichzeitig weiterhin Schweizer Normen und Leitfäden entwickeln. Die SIA hat sich mit diesem Thema bereits auseinandergesetzt, das SIA Merkblatt für BIM sollte in Kürze veröffentlicht werden. Das bringt uns auf einen guten Weg, aber es ist nur der erste Schritt. Weitere Richtlinien müssen erstellt werden. Die Interessensgemeinschaft «Bauen Digital Schweiz» hat es sich zur Aufgabe gemacht, Best-Practice für BIM in der Schweiz zu definieren. Zu diesem Zweck wurden verschiedene Merkblätter und Best-Practice Leitfäden erstellt. Weiterhin ist buildingSMART durch das Swiss Chapter «buildingSMART Switzerland» beauftragt, internationale Normen für openBIM in die Schweiz zu bringen. Das bringt uns folglich zum dritte Aspekt der BIM Umsetzung: der Ausbildung.

Was meinen Sie damit konkret?

BIM zu erlernen bedeutet mehr, als sich einfach nur den Umgang mit einer neuen Software anzueignen. Das ist nur ein Element von BIM. Vielmehr muss man sich mit den neuen Prozessen und Arbeitsweisen auseinandersetzen. Seit einigen Jahren gibt es BIM-Ausbildungen in Schweizer Fachhochschulen, die uns in der Zukunft eine starke Basis bescheren werden. Aber BIM betrifft nicht nur die junge Generation: Unsere heutigen Fachleute müssen ebenfalls weitergebildet werden. Nur so können wir einen Wandel ohne Unterbruch schaffen.

Woran kann man sich orientieren, bzw. wie weiss man, ob jemand gut ausgebildet ist oder nicht?

Das ist natürlich eine zentrale Frage. Auf internationaler Ebene gibt es das «buildingSMART Professional Certification Programm», welches die Ausbildung von Fachleuten qualifiziert. Es definiert das Basiswissen, über welches Fachleute verfügen müssen, um BIM richtig ein- und umzusetzen. Das Programm wurde von sieben Nationen, respektive ihren buildingSMART Chapters, entwickelt: Norwegen, Deutschland, dem Vereinigten Königreich und Irland, Kanada, Spanien, Japan sowie der Schweiz. Als Vorstandsmitglied von buildingSMART Switzerland leite ich dieses Programm auf internationaler und Schweizer Ebene. Mensch und Maschine bildet ebenfalls in Seminaren und Kursen Bau- und Fachkräfte im Bereich BIM aus.

Zur Person
Mark Baldwin ist ein australischer Architekt und ausgewiesener Fachmann im Bereich des Building Information Modellings (BIM). Seit 2005 befasst er sich mit der Anwendung von BIM bei der Planung und Errichtung komplexer Grossprojekte in Australien, dem Nahen Osten und Europa. Der 39-Jährige beschäftigt sich mit der Entwicklung von BIM auf nationaler und internationaler Ebene, hauptsächlich durch seine siebenjährige Zugehörigkeit zur buildingSMART- Organisation. Heute ist Baldwin Leiter BIM Management bei der Mensch und Maschine Schweiz AG. Zudem sitzt er im Vorstand des buildingSMART Chapter Switzerland und ist Delegat der Koordinationskommission von Netzwerk Digital.

Welche Erfahrungen machen Sie dabei?

Sowohl in der Schweiz als auch in anderen Ländern gibt es Personen, die sich BIM-Manager oder BIM-Koordinator nennen, ohne aber notwendige Erfahrungen oder Kompetenzen mitzubringen. Hier wollen wir Abhilfe schaffen mit Fachwissen, das in der Praxis anwendbar ist und die Unternehmen weiterbringt. Wir sehen drei zentrale BIM-Rollen, die sich herauskristallisieren werden: die des BIM-Ingenieurs (oder Konstrukteurs), des BIM-Koordinators und des BIM-Managers. Diese drei Ausbildungszweige sind Teil eines gesamtheitlichen Schulungskonzepts, das wir BIM-Ready nennen. Bisher haben im deutschsprachigen Raum schon über 2000 Fachleute die BIM-Ready Schulung durchlaufen. Für 2018 gehen wir davon aus, dass das BIM-Ready Programm von buildingSMART Professional Certification anerkannt wird.

Und was sind die Schwerpunkte dieser drei verschiedenen Rollen?

Wir verstehen BIM nicht nur als «Building Information Modelling», sondern vielmehr als «Building Information Management». Wir unterscheiden dabei drei Aspekte von BIM. Ersten haben wir die «Building Models», sprich die 3D-Gebäude-Geometrie. Einfach gesagt ist die Erstellung von Modellen und Plänen Aufgabe des Konstrukteurs. Hinter der Geometrie ist die Gebäude-Information; Kostendaten, benötigtes Material, Terminplanung, usw. Dieser Bereich ist eigentlich viel grösser und wichtiger als 3D-Geometrie. Es ist Aufgabe des BIM Koordinators, diese Information zu prüfen, zu koordinieren und zu gewährleisten.

Und der dritte Bereich?

Auf der dritten Ebene befindet sich das Prozess Management. Hier beschäftigen wir uns mit der Abwicklung des Projekts; die Zuweisung von Aufgaben, Freigabe-Prozessen etc. Diese Management- oder Steuerungsebene ist der Bereich des BIM Managers.

Ich nehme an, dass wir in zehn Jahren nicht mehr von BIM-Managern oder BIM-Koordinatoren sprechen, sondern einfach von Projektleitern und Fachkoordinatoren mit entsprechender BIM Kompetenz.

Ist es in der Praxis nicht schwierig, erfahrenen Experten das neue BIM-Prinzip zu vermitteln?

In den meisten Fällen sind die Unternehmen sehr offen für die Möglichkeiten, die sich für sie durch BIM ergeben. Aber es gibt auch Personen, bei denen wir zuerst gewisse mentale Barrieren überwinden müssen. Sie erachten ihre traditionellen Baupläne als etwas Bewährtes. Pläne sind für sie sozusagen «die Wahrheit» und die digitale Methodik, wie sie BIM ermöglicht, erscheint ihnen diffus. Dabei sind klassische Baupläne letztlich auch nichts weiter als Papier, bzw. eine Abstraktion eines Bauprojektes – und damit ebenfalls nicht die Realität. Das Projekt steht nach wie vor im Zentrum. Das digitale Gebäude ist zudem viel näher an der Realität als 2D-Pläne! Dieses Verständnis müssen wir in den Köpfen der Fachleute kultivieren.

Wie sieht Ihres Erachtens die Baubranche der Zukunft aus, mittel- und langfristig?

Die erwähnten zentralen BIM-Rollen werden sich weiterentwickeln. Langfristig werden sie aber wieder irrelevant werden, denn diese Kompetenzen werden letztlich einfach Teil des Know-hows sein, über das Fachleute in der Bauindustrie verfügen werden. Ich nehme an, dass wir in zehn Jahren nicht mehr von BIM-Managern oder BIM-Koordinatoren sprechen, sondern einfach von Projektleitern und Fachkoordinatoren mit entsprechender BIM Kompetenz.

Im Januar 2018 erschient Ihr erstes Buch «Der BIM Manager». Was ist hier Ihre Botschaft?

Der Zweck des Buches liegt darin, das Grundprinzip von BIM einfach und im Klartext zu erklären. Es ist kein theoretisches Werk, sondern eine praktische Anleitung zu Building Information Modelling. Ich spreche direkt aus meiner Berufserfahrung als Architekt, BIM-Manager und Unternehmensberater. Das Buch enthält zahlreiche Gastbeiträge und Projektbeispiele. Ich möchte ein strukturiertes und erprobtes Vorgehen aufzeigen. Das gilt sowohl für die Umsetzung von BIM innerhalb eines Unternehmens, als auch für die Planung und Durchführung von BIM im Projektumfeld. Die Botschaft ist, dass BIM kein Paradigmenwechsel ist, sondern eine wichtige und notwendige Weiterentwicklung unserer Branche in der digitalen Welt. Das bringt beträchtliche Herausforderungen mit sich, aber ebenso enorme Chancen!

Weitere Links

www.digital.swiss
www.netzwerk-digital.ch
www.bauen-digital.ch
www.bimready.ch
www.BIMconnect.ch

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